Vorwort
Der Fuchs: den kennen wir! Unser Bild von diesem Tier
wurzelt tief in der Äsopischen Fabeltradition, insbesondere
vermittelt durch Goethes Reineke Fuchs. Zahllose
Geschichten erstens, und zweitens haben wir außerdem
schon mehrere TV-Dokus gesehen, Marke „Wildtiere im
Harz“. Alles klar? Keineswegs.
Tierfi lmer Luc Jacquet, bekannt vor allem seit DIE REISE
DER PINGUINE, geht einen anderen Weg. Er will den Fuchs
als Fuchs haben, ihn nicht zum Fabeltier machen, nicht
vermenschlichen. Aber er will mit ihm spielen, will diesem
ebenso schlauen wie scheuen Waldbewohner emotional
näherkommen. Das Ziel heißt: Freundschaft schließen.
Filmer Jacquet nimmt ein Kind und lässt es mit einem
Fuchs auf Entdeckungsreise gehen. Enorm viel Geduld
bringt er mit, zugegeben auch ein paar Kunstgriffe, aber
alles bleibt echt.
Das Ergebnis ist ein Film, der uns das Staunen lehrt: ein
Naturmärchen, wie wir es noch nicht gesehen haben. Eine
Geschichte, die Fragen aufwirft, etwa über das nicht ganz
so märchenhafte Verhältnis des Menschen zur Natur.
Über Nähe, Zuneigung, Freundschaft. Über das reizvolle
Ineinander von „erlebt“ und „vorgestellt“ – die ganz eigene
Erzählweise, die den Film besonders geeignet macht für
den Einsatz im Unterricht.
Das Heft möchte rasche Einstiege in diese Auseinandersetzung
bieten – wie gewohnt mit Informationen zu Film und
Hintergrund sowie einer Menge praktischen Anregungen.
Wir wünschen Ihnen viel Freude mit einem Kinoerlebnis,
das nachwirkt!
Ihre Vera Conrad mit den Autoren Regine Wenger
und Ulrich Steller
Kurzinhalt
Eines Morgens im Spätsommer trifft ein Mädchen auf einen jagenden Fuchs.
Fasziniert folgt sie dem scheuen Tier: Nichts möchte sie lieber, als mit ihm durch die Welt zu streifen. Tatsächlich: Behutsam und trickreich
gewinnt sie sein Vertrauen.
Damit beginnt eine ebenso fabelhafte wie erstaunliche Freundschaft. An der Seite des Fuchses entdeckt das Kind eine wilde und geheimnisvolle Natur, und erlebt ein Abenteuer, welches ihr Leben und ihr Verständnis der Tiere verändern wird…
Filminhalt
DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN erzählt die
Geschichte einer Freundschaft zwischen Mensch und
Tier. Zugleich ergreift der Film Partei für eine veränderte
Wahrnehmung und fordert den respektvollen Umgang mit
der Natur.
Die eine Heldin des Films ist das Mädchen Lila. Sie wohnt
in einem abgelegenen, ländlichen Teil Frankreichs – „la
France profonde“ sagt man dort gern. Ihre Eltern besitzen
einen einzeln stehenden Hof. Den langen Schulweg durchs
freie Gelände legt Lila mit dem Rad allein zurück. Lila ist
ein neugieriges Mädchen von etwa 11 Jahren, sie kennt und
liebt die Natur, und sie ist mutig.
Eines Tages entdeckt sie auf einer Lichtung den zweiten
Helden des Films: einen Fuchs, der vollkommen in die
Jagd vertieft ist und sie zunächst nicht bemerkt. Lila ist
fasziniert von dieser unverhofften Begegnung, versucht
dem Tier behutsam näherzukommen. Doch als der Fuchs
sie entdeckt, läuft er fort und ist im Nu verschwunden.
Mit diesem fl üchtigen Eindruck hat zunächst alles sein
Bewenden. Denn so sehr Lila auch sucht, ruft und lockt,
der Fuchs lässt sich nicht mehr blicken.
Lila denkt viel an den Fuchs. Besorgt fragt sie sich, ob und
wie er wohl den Winter übersteht. Doch zu einem Wiedersehen
in der Wirklichkeit kommt es erst Monate später.
Lila ist begeistert, sie hat nur noch „ihren“ Fuchs im Sinn.
Ihr übriges Leben bleibt konsequent ausgeblendet. Über
Schule, Familie und Freundeskreis erfahren wir so gut
wie nichts. Der Film konzentriert sich ganz auf die beiden.
Filminhalt und Problemstellung
Protagonisten, das Mädchen und den Fuchs, ihren neuen
Freund. Genauer gesagt, Freundin. Denn wie Lila feststellt,
ist es eine Füchsin, deren Vertrauen sie jetzt sehr langsam
und nicht ohne kleine Rückschläge gewinnen kann. Das
Tier ist seinerseits neugierig genug, um dieses zugewandte
Menschenkind bei aller Vorsicht in seiner Umgebung zu
akzeptieren, ja näher und näher an sich heranzulassen.
DAS PRINZIP NÄHE
Dieser Prozess der beiderseitigen Annäherung ist das
gestaltende Prinzip der Erzählung. Was Lila antreibt,
ist ihr Verlangen, der kleinen wilden Gefährtin so nahe
zu kommen wie möglich. Daran arbeitet sie beharrlich,
und während die Füchsin ihre Scheu nie ganz ablegt,
kennt das Mädchen Lila keine Grenzen. Damit gewinnt
in der Geschichte eine weitere Dimension an Konturen.
DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN wird zu einer Parabel
von Liebe, Nähe und Besitzen-Wollen, die am Ende eine
überraschende Wendung erfährt.
Lila verbringt ihre gesamte freie Zeit in der Natur. Als
sei das Mädchen mit der Füchsin verabredet, treffen sich
die beiden wieder und wieder. Lila, die sich doch in der
Natur für ihr Alter schon sehr gut auskennt, die furchtlos
allein umherstreift, erlebt eine Reihe neuer Abenteuer.
Denn auf der Suche nach der Füchsin oder gemeinsam
mit ihr erkundet sie unbekanntes Terrain, steht auch
unversehens mancherlei Gefahren gegenüber. Wie im
Märchen begegnet sie einer Reihe von interessanten,
eigenwilligen, aber auch gefährlichen Tieren – darunter
Wolf, Adler und Bär. Die Füchsin wächst ihr mehr und
mehr ans Herz. Lila gibt ihr einen Namen und ruft sie
fortan „Titou“ (Titus).
Immer stärker wird jetzt Lilas Wunsch, das Tier so eng
wie nur möglich an sich zu binden. Einmal probiert sie
das ganz wörtlich, denn einer ihrer Versuche besteht
darin, die Füchsin vorsichtig mit Hilfe einer langen
Schnur an die Leine zu legen. Das quicklebendige Tier
entzieht sich mit Leichtigkeit. Lila, ganz außer Atem,
bleibt am Ende der Sequenz in einer vielsagenden Einstellung
allein zurück, inmitten eines unentwirrbaren
Zickzacks von Schnur zwischen den Bäumen und Sträuchern.
Doch Lila lässt nicht ab von ihrem Besitzen-
Wollen, sie geht im Gegenteil noch einen Schritt weiter.
Eines Tages lockt sie das inzwischen vertraute, liebgewonnene
Pelztier bis an ihr elterliches Haus, dann hinauf
in ihr Zimmer. Die Füchsin zögert kurz, überwindet ihre
Scheu, läuft tatsächlich mit herein. Doch als Lila drinnen
die Tür hinter sich schließt, rastet das Tier aus und beginnt
in einer Mischung aus Panik und Zorn im Kinderzimmer
herumzutoben. Ein Fuchs lässt sich nicht einsperren, und
bevor Lila Zeit hat, ihren Fehler recht zu begreifen, springt
die verzweifelte Füchsin durchs geschlossene Fenster –
dasselbe Fenster, das Lila so liebt als Verbindung von ihrem
Zimmer zur Natur draußen. Das Mädchen eilt bestürzt
vors Haus und fi ndet ihre kleine Freundin reglos am Boden
liegend. Doch das ist nicht das Ende, denn die Geschichte
ist komplexer. Dazu ein Blick auf die Entstehung des Films
und die Struktur der Erzählung.
ERZÄHLUNG UND WIRKLICHKEIT
Eine Begegnung wird zur Idee: Regisseur Luc Jacquet verbrachte
seine Kindheit in der französischen Provinz. Der
junge Luc streift viel in der freien Natur umher. Eines Tages
entdeckt er einen Fuchs, der völlig aufs Jagen konzentriert
ist und ihn nicht bemerkt. Der Junge ist fasziniert und
schafft es, sich dem wilden Tier Schritt für Schritt zu nähern.
Schließlich ein kurzer Moment Auge in Auge – dann
nimmt der Fuchs Reißaus. Bei dem späteren Regisseur hinterlässt
die einmalige Begegnung einen unauslöschlichen
Eindruck. Geraume Zeit später schließt sich der Kreis, die
Idee kehrt sozusagen an ihren Ursprungsort zurück – an
den Westrand der Alpen, ins Bergland des französischen
Départements Ain. Denn nach intensiver, europaweiter
Suche wählt der Regisseur als einen der beiden Drehorte
für DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN seine Heimatgegend
aus. Den zweiten geeigneten Platz entdecken die Location
Scouts in den Abruzzen.
So wird das kurze Kindheitserlebnis zur Keimzelle eines
Films. Doch Jacquet beabsichtigt weit mehr, als nur eine
Erinnerung zu bebildern. Aus der kleinen wirklichen
Begebenheit ist eine ganze Geschichte gewachsen, aus Beobachtung,
Erinnerung, Erzählung und Vorstellungskraft
entsteht etwas Neues. Die Art, in der diese Ebenen fi lmisch
miteinander verwoben sind, lohnt die nähere Betrachtung.
Denn diese Verbindung, in engem Zusammenspiel mit
den außergewöhnlichen Naturaufnahmen, macht das
Besondere an DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN aus.
Zuerst und vor allem nimmt uns DER FUCHS UND DAS
MÄDCHEN durch die starken Bilder gefangen, die wir
„unmittelbar“ vor uns sehen. Der Film stellt den Zuschauer
mitten hinein in eine Natur aus kräftigen Farben, Licht
und Schatten, in der viele Tiere zu sehen und die Jahreszeiten
deutlich zu spüren sind. Unmerklich überwältigt
uns diese Natur, sie erscheint stärker und eindrucksvoller,
als wir sie in Erinnerung haben. Einen dramatischen
Anblick bietet beispielsweise die Szene, in der ein Luchs
den Fuchs verfolgt und dieser, atemlos, nur um Haaresbreite
entkommt. Spätestens wenn wir uns aber fragen, wo
denn Bär und Wölfe so selbstverständlich frei „nebenan“
leben und warum sich, wenn es denn so ist, ein Mädchen
allein und schutzlos zwischen diesen gefährlichen Nachbarn
bewegt – spätestens mit dieser Irritation haben wir
die erste Ebene bereits verlassen. In der vermeintlichen
Dokumentation steckt mehr als bloße Abbildung.
DIE EBENEN DES ERZÄHLENS
Zum Zweck der Analyse bietet es sich an, in DER FUCHS
UND DAS MÄDCHEN drei Ebenen zu unterscheiden:
Dokumentation, subjektiv eingefärbte Erzählung und
reine Phantasie. Im Film sind sie so kunstvoll miteinander
verwoben, dass wir in den einzelnen Szenen oft nicht
unterscheiden können, auf welcher Ebene wir uns
gerade bewegen.
Je mehr die Geschichte fortschreitet, umso deutlicher
entfaltet sie ihren Charakter als erzählte Wahrheit, und
umso stärker tritt der Blickwinkel des Erlebens hervor, der
die Darstellung bestimmt. Die Kamera geht mit und zeigt
subjektive Perspektiven, nicht nur aus Sicht des Mädchens,
sondern auch aus Sicht der Füchsin. Als diese sich im
Unterholz versteckt, schauen wir mit ihr durch die Blätter
hinaus auf die suchende Lila (subjektive Kamera). Szenen
mit Füchsen sind aus deren Augenhöhe gefi lmt; bei der
Verfolgung durch den Luchs scheint die Kamera neben den
beiden Tieren herzufl iegen, mitzufl iehen, in Deckung zu
gehen, sie verkriecht sich am Ende mit in den rettenden Bau.
Immer stärker kommt außerdem der Aspekt der Aktion, des
Eingreifens hinzu. Lila berichtet zu Anfang des Films, was
sie beobachtet hat: eine bemerkenswerte Begegnung, die wir
durch den Film nacherleben. In dem, was folgt, verschiebt
sich der Akzent. Die Beobachterin erscheint zunehmend als
aktive Kraft, sie beeinfl usst das Geschehen, treibt es voran
oder führt es überhaupt erst willentlich herbei.
Lila lässt sich durch ihre leidenschaftliche Naturliebe dazu
hinreißen, im Rausch von Entdeckung und Abenteuer ihre
Grenzen zu überschreiten. Sie klettert auf die verbotenen
Felsen am Rand der Schlucht. Sie folgt dem Fuchs leichtsinnig
in die große Tropfsteinhöhle, fi ndet nur mit Not wieder
heraus und muss die Nacht im Wald verbringen, während
ihre Eltern sie vermissen. In ihrer stürmischen Zuneigung
zur Füchsin schließlich überspannt sie den Bogen. Sie versucht
das kleine Wildwesen ganz zu vereinnahmen, seiner
Freiheit zu berauben – was zum dramatischen Höhepunkt
führt und mit dem halsbrecherischen Fluchtsprung der
Füchsin aus dem Fenster endet. Wichtiger noch, zumindest
für die Form der Erzählung: Lila lässt in ihre Schilderungen
einfl ießen, was sie sich wünscht, erträumt oder befürchtet.
Die harmlos begonnene, vorgeblich objektive Erzählung
Ein Naturmärchen
verwandelt sich in eine fi lmisch sichtbare Welt aus Wille
und Vorstellung. Lilas Phantasie, angeregt durch starkes
Erleben, beginnt zu sprudeln. Oder ist es umgekehrt – entspringt
das „Gesehene“ vielmehr ihrer Vorstellungskraft,
ihrer Sehnsucht? Hat Lila die dramatischen Ereignisse gar
nicht alle „wirklich“ erlebt?
IN DER SCHWEBE: TECHNIKEN
Diese Anreicherung durch Phantasie rückt zahlreiche Szenen,
wenngleich nicht die ganze Geschichte, in eine Zone
der kalkulierten Ambivalenz. Die fi lmische Darstellung
unterstreicht dies unter anderem mit Geräuschverstärkung,
satten Farben und subtiler Lichtbestimmung. Leise,
kaum merklich nehmen Wald und Natur märchenhafte
Züge an. Es gibt dabei keinen sichtbaren Bruch, keine Spur
von Zauberburg oder Brunnensprung, aber dennoch eine
märchentypische Intensivierung des Wahrgenommenen.
Isolierende fi lmische Techniken unterstützen das. Wo es
um die Freude eines kleinen Spiels (Frösche, Schmetterling)
oder den Reiz einer Berührung geht, lenkt die geringe
Schärfentiefe den Blick sinnfällig auf den Nahbereich. Häufi
ge Detail- und Nahaufnahmen blenden aus, was ablenken
könnte. Kamera-Kreisfahrten um das Mädchen herum,
Heranzoomen, auch gelegentliche Zeitlupe erzeugen
ähnliche Wirkungen: eine dynamische Konzentration. Als
Ergebnis wird unser Blick wie in der klassischen Märchenerzählung
völlig eingenordet auf das Hauptgeschehen und
die Emotionen der Beteiligten. Zugleich, so scheint es, hebt
der Film alle gezeigten Ereignisse sanft auf eine Ebene, die
reiner und wirklicher erscheint als die Wirklichkeit selbst:
Kann das wahr sein?
Auch strukturell ist die Erzählung so angelegt, dass immer
wieder Momente und Episoden in der Schwebe bleiben. Beispielsweise
erfahren wir im Nachhinein, dass die Gefahr
durch den Luchs möglicherweise nur in Lilas besorgter
Vorstellung existiert. Ein böser Traum? Andererseits
erscheinen die Bilder der Verfolgungsjagd so vollkommen
klar und real, dass wir am Ende wieder glauben, ein
allwissender Beobachter müsse sie in der Wirklichkeit des
Winterwaldes eingefangen haben, während Lila in ihrem
Zimmer saß – und sich möglicherweise genau diese Szene
ausgemalt hat. An keiner Stelle gibt es ein fi lmsprachliches
Signal (Aufblende, Scharfziehen, musikalische Untermalung
… ), das einen Übergang in die Welt von Traum oder
Phantasie in typischer Weise markieren würde.
Das unvermittelte Nebeneinander zweier offenbar konträrer
Deutungsmöglichkeiten schafft einen Hauch von
Mystik. Zugleich melden sich Fragen. Was ist in welcher
Absicht erzählt, wie getreu ist das Erlebte eigentlich
wiedergegeben, mit wieviel erzählerischer Zutat müssen
wir rechnen? Und Gegenfragen: Formen wir denn nicht
selbst bei jedem Erzählen den Inhalt ein wenig nach
unserem Geschmack? Lassen wir nicht gern Unwichtiges
weg, spitzen zu, vereinfachen hier und da, schmücken aus
und dramatisieren, rücken Symbolträchtiges gern in den
Vordergrund? Die Wahrheit der Erzählung liegt auf einer
höheren Ebene.
ZEIT UND ERZÄHLHALTUNG
Die Geschichte entwickelt sich zunächst geradlinig.
Antrieb der Ereignisse ist die Freundschaft zwischen Fuchs
und Mädchen. Doch der Film erschöpft sich nicht in der
linearen Schilderung.
Gegen Ende, nach dem Fenstersprung der Füchsin, geht
die Geschichte in zwei Strängen weiter. Der eine erzählt
von der Bestürzung und Trauer des Mädchens, das die – in
dieser Version – tote Füchsin in den Wald zurückträgt. Am
Fuchsbau fi ndet Lila die verwaisten Welpen und erkennt
zugleich, dass sich ihre Wege getrennt haben. Der andere
Erzählstrang legt nahe, dass die Füchsin den Sturz wie
durch ein Wunder doch überlebt hat und wieder mit dem
Mädchen durch die Natur streift. Oder ist es einer der
Jungfüchse, die übers Jahr ausgewachsen sind? In beiden
Deutungen bleibt das Kostbarste, die Freundschaft als
solche, auf Dauer erhalten. Mehr noch, und das ist das
Wesentliche, sie entfaltet sich in geläuterter Form. Denn
Lila hat begriffen, dass sie Liebe nicht mit Festhalten und
Unterwerfen verwechseln darf. Mit den Welpen beginnt
also eine neue Zeit des ungetrübten Miteinanders.
Auch in einer anderen Hinsicht schließt sich der Kreis.
Wir machen einen Zeitsprung – der eine ganze, diesmal
menschliche Generation umfasst – und befi nden uns
wieder in dem Zimmer mit dem runden Fenster. Lila ist erwachsen
geworden und hat inzwischen selbst ein Kind. Damit
ist der Bogen der übergeordneten Erzählung erreicht,
der erst am Ende von DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN
verständlich wird: Wir Zuschauer treten erzähltechnisch
gesprochen einen Schritt zurück und erfahren, dass Lila als
Mutter die gesamte Geschichte ihrem kleinen Sohn erzählt
hat. Indem sie ihre Erlebnisse mit den Füchsen weitergibt,
zeigt sie, was sie aus ihrer Erfahrung gelernt hat.
So ist die gesamte Erzählung im Rückblick motiviert
durch das erklärte Ziel, die Liebe zur Natur zu vermitteln,
verdichtet im Beispiel einer außergewöhnlichen Freundschaft.
Und durch die Einsicht, dass Liebe und Zuneigung
ohne Respekt vor dem anderen und seiner unantastbaren
Freiheit nicht denkbar sind. Die Ambivalenz des „Ist-daswirklich-
passiert?“ bekommt in dieser Aufl ösung ihre volle
Bedeutung. Was tatsächlich geschah, was dem Traum oder
der Phantasie entsprang, was möglicherweise nachträglich
hinzugefügt wurde – diese Unterscheidung spielt keine
Rolle mehr, und genau das verleiht der Geschichte erst ihre
eigene Wahrheit.
DER FUCHS UND DAS MÄRCHEN
Die erste Begegnung mit dem scheuen Tier erlebt Lila als
Lichtstrahl des Wunderbaren, der in ihren Alltag eindringt.
Indem sie ihm in seine Welt folgt, verwandelt sich die
Natur vor ihren Augen, die Füchsin nimmt sie mit in eine
märchenhafte Realität, die sie erst jetzt in ganzem Umfang
wahrnehmen und für sich erobern kann.
Das ist der Sinn des reizvollen Zusammenspiels der
drei Ebenen der Erzählung. Ihre Komponenten sind
Verzauberung und Entzauberung, die komplette kindliche
Vorstellungswelt von Lila, ihr Entdeckerdrang und ihre
Liebe zur Natur. Der Kontakt zu der Füchsin, insbesondere
die Erfahrung, dass sie dem geliebten Wesen nicht seine
Freiheit nehmen darf, setzt bei Lila einen Reifeprozess in
Gang. Ein Ergebnis davon ist die Absicht der erwachsenen
Lila, ihrem kleinen Jungen diese Haltung nahezubringen.
So entsteht die Erzählung, die wiederum uns in die Welt
von Lila mitnimmt – ein Naturmärchen, das den Prozess,
den die Erzählerin durchläuft, in sich aufgenommen hat.
Der Junge hört der Erzählung seiner Mutter zu wie jedem
anderen Märchen auch. Und gerade deshalb wird es
seine Wirkung auf ihn nicht verfehlen. Wir als Zuschauer
können, im Unterschied zu Lilas Sohn, die Nahtstellen
erahnen, an denen die Erzählebenen zusammenstoßen
(oder sich ausschließen). Zumindest erkennen wir, dass
es diese Ebenen gibt, selbst wenn wir ihnen nicht jedes
Ereignis zweifelsfrei zuordnen können. In dieser Hinsicht
liefert das fi lmische Naturmärchen seine eigene Deutung
mit, ohne dadurch den Reiz der Ambivalenz aufzulösen.
Sie demonstriert zugleich die Macht des Mediums Film,
alles „wahr“ werden zu lassen. In diesem Falle eine märchenhafte
Wahrheit aus drei Teilen: Beobachtung (etwas
in der Realität bemerken), Wille (etwas in der Realität
verändern wollen) und Einbildungskraft (eine eigene
Realität erschaffen).
ZAUBERWELT MIT BODENHAFTUNG
Der Fuchs wird zum Begleiter des Mädchens auf einer
Reise in die Natur, wie sie sie noch nicht gesehen hat.
Dennoch bleibt die Welt des Waldes, bleiben alle Tiere
und Pfl anzen sie selbst. Nichts wirklich Übernatürliches
geschieht, und gerade darin liegt das Wunderbare. Denn
immer geht es um das Verhältnis zur Natur, so wie sie ist,
im strengen Sinne. Das ist das eigentlich Irreale: die Natur
so zu sehen, als wäre kein Betrachter da – der doch das
natürliche Geschehen in der Regel schon durch seine bloße
Anwesenheit verfälscht.
Schöne und poetische Seiten der Natur bekommt Lila
ebenso zu Gesicht wie die Härten und Gefahren, mit
denen jedes Wesen in freier Wildbahn fertig werden muss.
Sie erlebt alle Jahreszeiten und ein ganzes Panorama der
Tierarten, vom hübschen Leuchtkäfer bei Nacht bis zum
erschreckenden Braunbären bei Sonnenschein. Sie erlebt
hautnah den Unterschied der Tageszeiten für die Wahrnehmung.
Lila wird von alledem sichtlich erfüllt und von ihren
Erlebnissen regelrecht gefangengenommen – sinnfällig in
der Tropfsteinhöhle, die bei all ihrer bizarren Schönheit
eine große Bedrohung verkörpert.
Lilas Einfühlungsvermögen, ihre Anteilnahme zeigen sich
an den unterschiedlichen Stimmungen und Haltungen,
die sich im Fortgang der Geschichte abwechseln. Neugier,
verspielte Freude, Entdeckerlust, berauschendes Freiheitsgefühl,
Freundschaft, Zuneigung und Mut stehen
weniger erfreulichen Regungen wie Angst, Unsicherheit
und Trauer gegenüber. Filmisch transportiert werden diese
Empfi ndungen einerseits durch das Spiel der Darstellerin,
anderseits durch die begleitende Filmmusik, die Lilas
Gefühlsleben kommentiert und dramaturgische Knotenpunkte
hervorhebt.
Zu den wichtigsten und wirkungsvollsten Mitteln der
fi lmischen Erzählung gehört eines, das sich paradoxerweise
immer genau dann unsichtbar macht, wenn es am
besten funktioniert: die Montage, also die Komposition
des Erzählfl usses. Jeder Filmschnitt verbirgt strenggenommen,
was zwischen zwei Einstellungen liegt. Unsere
Wahrnehmung dagegen arbeitet genau umgekehrt. Als
Zuschauer sind wir ständig damit beschäftigt, das „Dazwischen“
zu ergänzen. Ein einfaches Beispiel: Wir sehen die
Füchsin nach dem verzweifelten Sprung vor dem Haus am
Boden liegen. Wir folgern daraus, dass sie hinuntergestürzt
ist – auch wenn wir das im Bild gar nicht gesehen haben.
Die Kunst von Schnitt und Montage besteht darin, aus
einzelnen Bildern und Einstellungen die überzeugende
Geschichte als Einheit entstehen zu lassen. Logische
Verbindungen aufzubauen, in knappster Form kleine
Begebenheiten zu erzählen, Spannung zu erzeugen. Umso
entscheidender wird das, wenn, wie bei den Aufnahmen
zu DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN, eine beträchtliche
Unberechenbarkeit mit im Spiel ist. Denn die Natur – das
haben wir mit Lila gelernt – tut nicht immer, was wir
Menschen von ihr verlangen.